Seite an Seite? Polizei und SS

Shownotes

Dieses Foto aus dem Jahr 1933 zeigt einen Schutzpolizisten und einen SS-Mann nebeneinander – ein Bild, das mehr ist als ein Zufallsmoment. Es markiert den Beginn eines Prozesses, in dem Polizei und SS Schritt für Schritt immer enger miteinander verschmelzen.

Welche Botschaft sollte dieses gemeinsame Auftreten 1933 vermitteln? Wie veränderte sich die Polizei, als politische Milizen an ihrer Seite auftraten – und nach und nach Einfluss auf ihre Strukturen gewannen? Wann wurde aus einem Nebeneinander eine gezielte organisatorische Verschmelzung? Und was offenbart dieser Prozess darüber, wie staatliche Gewalt im Nationalsozialismus aufgebaut, legitimiert und genutzt wurde?

Diese Folge untersucht, wie aus zwei getrennten Akteuren ein politisch gesteuerter Sicherheitsapparat entstand – und wie die Polizei dadurch ihre Bindung an rechtsstaatliche Prinzipien verlor und zu einem Werkzeug nationalsozialistischer Gewalt wurde.


Weiterführende Literatur

Paul, Gerhardt; Wildt, Michael (2022): Nationalsozialismus: Aufstieg - Macht - Niedergang – Nachgeschichte. Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung.

Die Polizei im NS-Staat: Beiträge eines internationalen Symposiums an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster / Wolfgang Schulte (Hrsg.). Frankfurt: Verlag für Polizeiwissenschaft, 2009.

Vera, Antonio (2019): Von der 'Polizei der Demokratie' zum 'Glied und Werkzeug der nationalsozialistischen Gemeinschaft': Die Polizei als Instrument staatlicher Herrschaft im Deutschland der Zwischenkriegszeit (1918-1939). Baden-Baden: Nomos, 2019.


Impressum:

"Fragen an die Polizeigeschichte" ist ein Projekt des Fachgebiets "Polizeigeschichte und Politische Bildung" der Deutschen Hochschule der Polizei.

Konzept, Redaktion und Texte: Gundula Gahlen, Doris Kock und Pauline van Moll. Sprecherin und Produktion: Pauline van Moll

Wir freuen uns über Kommentare, Themenvorschläge und Anregungen! Kontakt: E-Mail: podcast.polizeigeschichte@dhpol.de Tel. +49 2501 806-684

Datenschutzerklärung: https://www.dhpol.de/datenschutz.php

Transkript anzeigen

00:00:01: Willkommen zu Fragen an die Polizeigeschichte.

00:00:10: In dieser Reihe gehen wir spannenden und manchmal auch unbequem Fragen zur Geschichte der Polizei nach.

00:00:16: Wir schauen zurück, um besser zu verstehen was staatlich Verantwortung Recht und Ordnung damals und heute bedeuten.

00:00:24: Heute widmen wir uns dem Thema Seite-an-Seite, Polizei und SS Und dafür wollen wir uns das Foto auf den Plakat hier am Anfang noch einmal genauer anschauen.

00:00:35: Hier sieht man nämlich zwei Männer nebeneinander laufen.

00:00:38: Der eine trägt die Uniform der Schutzpolizei, der andere ist eindeutig Mitglied der SS und Hilfspolizei.

00:00:45: Darüber steht die Frage Seite an Seite Und genau das ist die Frage um dies hier heute geht.

00:00:52: Also speziell haben Polizei und SS wirklich zusammengearbeitet oder ist es eher Zufall dass sie hier auf dem selben Bild auftauchen?

00:01:01: Die kurze Antwort ist Ja, sie arbeiteten tatsächlich Seite an Seite und nein das war dementsprechend kein Zufall.

00:01:09: Dieses Bild zeigt ziemlich genau wie engen Polizei- und SS im Nationalsozialismus miteinander verflochten sind personell organisatorisch und am Ende eben auch ideologisch.

00:01:21: aber gehen wir mal zurück an den Anfang ins Jahr.

00:01:26: Hitler ist gerade Reißkanzler geworden und nur wenige Wochen später richtet die neue Regierung in Preußen unter dem Innenminister Hermann Göring etwas ein, das sich Hilfspolizei nennt.

00:01:37: Offiziell geschieht es am Zweiundzwanzigsten Februar.

00:01:42: Klingt erst mal harmlos.

00:01:43: eine Polizei die hilft?

00:01:46: In Wirklichkeit ist sie allerdings der erste Versuch Polizei und Partei miteinander zu verschmelzen.

00:01:52: diese sogenannte Hilfspolizei abgekürzt, Hippo ist keine normale Polizeibehörde oder auch Polizeieinheit.

00:02:01: Sondern eine Unterstützungstruppe ein Helfer-Trupp sozusagen nur bedeutet helfen hier politische Gegner auszuschalten und das oft auch mit extremer Gewalt und Härte.

00:02:13: in Preußen rekrutiert Göring etwa fünfzigtausend Männer für diesen Zweck Ungefähr vierundzwanzigtausend aus der

00:02:19: S.A.,

00:02:20: fünfzehntausend aus des S. und den Rest aus dem sogenannten Stahlhelmen, einem nationalistischen Veteranenbund.

00:02:27: Sie bekommen Waffen, Armbinden mit der Aufschrift Hilfspolizei und teilweise sogar Uniformteile.

00:02:34: Doch sie sind keine ausgebildeten Polizisten und unterstehen nicht dem regulären Polizeirecht.

00:02:40: Sie gehen daher auch kein Beamtenverhältnis ein, sondern handeln viel mehr als politische Kampftruppe unter den Deckmantel staatlicher Ordnung.

00:02:50: Ihre Aufgabe ist klar – sie sollen die Feinde des Nationalsozialismus bekämpfen!

00:02:56: Das sind am Anfang vor allem Kommunistinnen, Sozialdemokraten, Gewerkschafter.

00:03:01: Sie sichern zusätzlich dazu Parteiveranstaltungen, errichten Straßensperren, begleiten Hausdurchsuchung und Razzien.

00:03:08: Und führen Verhaftung und Verschleppung von politischen Gegnern durch.

00:03:13: Parallel dazu gibt es weiterhin die reguläre Schutzpolizei – also städtische Uniformpolizeis.

00:03:20: Sie ist ausgebildet, hierarchisch organisiert, dem Innenministerium unterstellt und damit natürlich auch an Gesetze gebunden.

00:03:28: Eigentlich geht sie als Hüterin des Rechts.

00:03:32: Doch hier stehen diese Beamten plötzlich Seite an Seite mit Parteimilizen, die sich eben nicht ein Recht und Gesetz gebunden fühlen.

00:03:41: Das schafft eine gefährliche Nähe – genau das zeigt das Foto auf dem Plakat!

00:03:46: Ein Schutzpolizist und ein SS-Warn der Hilfspolizei.

00:03:50: Beide bewaffnet beide in Uniformen aber sie repräsentieren völlig unterschiedliche Prinzipien.

00:03:56: Der eine steht für den Staat, der andere für die Partei.

00:04:00: Noch sind das zwei verschiedene Dinge, das aber auch nicht mehr lang.

00:04:04: Denn schon kurz nach der Aufstellung der Hilfspolizei ordnet Göring an dass die Polizei rücksichtslos von der Schusswaffe Gebrauch machen solle.

00:04:13: mit der sogenannten Reichstagsbrandverordnung vom achtundzwanzigsten Februar neunzehntreiunddreißig verliert die Polizei ihre Bindung an die Verfassung.

00:04:22: Grundrechte werden aufgehoben und willkürliche polizeiliche Verhaftungen werden möglich.

00:04:29: Aber gehen wir nochmal zurück zur Hilfspolizei.

00:04:31: Wer waren denn diese Hilfspolizisten eigentlich, wenn sie keine richtigen Polizisten waren?

00:04:38: Um das zu verstehen muss man sich die beiden Organisationen anschauen aus denen diese Männer hauptsächlich kamen.

00:04:44: Die SA und die SS.

00:04:47: Die

00:04:47: S.A.,

00:04:48: die Sturmabteilung war die große Straßenkampfgruppe der NSDAP – hunderttausende Männer laut brutal präsent!

00:04:57: Sie sollten Gegner einschüchtern, Aufmärsche schützen und auf der Straße generell für die Machtübernahme arbeiten.

00:05:07: Die SS – also die Schutzstaffel – wurde ursprünglich Teil der SA aber viel kleiner oder auch elitärer.

00:05:14: Während die SA eher eine Massenorganisation war verstand sich die SS als politischer Orden ideologisch geschult, hierarchisch organisiert und fanatisch treu.

00:05:26: Diese Zusammenarbeit zwischen Hilfspolizei und Schutzpolizei könnte so ausgesehen haben.

00:05:32: Sagen wir mal, wie sind in Berlin neuzertreißig?

00:05:34: Und es wird eine Ratzjahr gegen eine kommunistische Organisation durchgeführt.

00:05:38: Die Schutzpolizie führt den Einsatz offiziell durch.

00:05:42: Sie hat die Befehle schreibt die Protokolle ist allgemein verantwortlich Aber gleichzeitig stehen dort Männer der SA- und SS-Hilfspolizeis, die die Straßen aufsperren, die Eingänge kontrollieren und sogar selbst Menschen festnehmen.

00:05:57: Viele dieser Festgenommenen werden nicht zu einem Gericht gebracht, sondern in provisorische Haftorte verschleppt.

00:06:03: In sogenannte wilde Konzentrationslager.

00:06:07: Und so entsteht ein System, indem die Polizei den Anschein eines rechtlichen Gerüsts liefert während die SA und SS offen die politische Gewalt ausüben.

00:06:17: Ein Zusammenspiel das bald zur Routine wird.

00:06:21: Die Hilfspolizei besteht im Endeffekt tatsächlich nur wenige Monate.

00:06:25: Sie wird im August neunzelner dreieinunddreißig offiziell aufgelöst.

00:06:28: Mit der Begründung, dass keine finanziellen Mittel mehr zur Verfügung stehen.

00:06:33: Aber die Idee Polizei und Partei zu verschmelzen ist da längst nicht mehr aufzuhalten.

00:06:39: Die Hilfspolizei wird zwar aufgelösst DSS jedoch bleibt und baut ihre Macht immer weiter aus.

00:06:46: Nach der sogenannten Röhmaktion, bei der viele SA-Führer ermordet werden übernimmt die SS schließlich endgültig die Rolle der wichtigsten Machtbasis Hitler.

00:06:57: Von da beginnt sie die staatlichen Sicherheitsapparate also auch die Polizei systematisch unter ihre Kontrolle zu bringen.

00:07:06: Das geschieht natürlich nicht von heute auf morgen sondern es ist ein Prozess der sich über mehrere Jahre hinzieht.

00:07:12: SS-Mitglieder besitzen schrittweise Schlüsseposition in den Polizeibehörden, übernehmen Schulungsaufgaben und sorgen dafür dass Beförderung und Karrierewege nur noch für linien treue Beamte offen stehen.

00:07:26: Der entscheidende Schritt kommt dann neunzeigunddreißig als Heinrich Himmler der Reichsführer SS zusätzlich Chef der Deutschen Polizei wird.

00:07:35: Damit ist die Polizei jetzt auch formal Teil des SS Machtapparats.

00:07:42: Von da an gilt Nach außen bleibt sie eine staatliche Behörde, aber inhaltlich untersteht sich der SS.

00:07:49: Die Polizeischulen werden ideologisch ausgerichtet.

00:07:52: Politische Zuverlässigkeit zählt mehr als Fachwissen.

00:07:56: In der Ausbildung geht es zunehmend um Pflichterfüllung die Volksgemeinschaft, Rastenideologie und bedingungslose Loyalität.

00:08:05: Ab.

00:08:05: neunzehntneununddreißig geht die Zusammenarbeit zwischen Polizei- und SS auf einer völlig neue Ebene.

00:08:10: Das Reichssicherheitshauptamt, das RSHA wird gegründet und plötzlich sind Gestapo also die geheime Staatspolizei, die CRIPO und der Sicherheitsdienst der SS, also der SD unter einem Dachverein geleitet von Reinhard Heidrich, einem der ranghöchsten SS-Führer.

00:08:29: Ab diesem Moment verschwimmen die Grenzen zwischen Polizei und SS endgültig.

00:08:34: Die Polizei ist nicht mehr einfach nur eine staatliche Institution, sie ist jetzt ganz fest in die Strukturen der SS eingebunden.

00:08:42: Über personelle Kontrolle, ideologische Schulung und organisatorische Eingliederungen wird sichergestellt dass die Polizei konsequent nach den Vorgaben der SS arbeitet.

00:08:53: Das Seite an Seite-Prinzip das man also schon neunzehnunddreißig beobachten konnte wird hier also endgültig systematisch institutionalisiert.

00:09:04: Und das Ergebnis dieser Verschmelzung ist erschreckend klar.

00:09:07: Die Polizei wird zu einer verbrecherischen Organisation, sie macht nicht mehr nur ihren Job sondern beteiligt sich aktiv an Verfolgung, Terror und Massenmord.

00:09:18: Polizeibataillonen sichern Deportationen, bewachen Gettys oder Konzentrationslager und führen sogar Massenexekution durch.

00:09:26: Die Ordnungspolizei die CRIPO die Gestapo – Sie alle sind nun Teil des nationalsozialistischen Gewaltapparats.

00:09:34: Die Polizei wird so zu einem zentralen Werkzeug der NS-Diktatur, das nicht mehr neutral ist sondern systematisch Menschen terrorisiert und tötet.

00:09:46: Wenn man also das Foto noch einmal anschaut den Schutzpolizisten und den SS-Mann der Hilfspolizei wie sie da Seite an Seite marschieren dann steht dieses Foto sinnbildlich für dem Beginn einer gefährlichen Entwicklung und für ein bewusst geschaffenes System.

00:10:01: Die Polizei bringt die staatliche Legitimation, die SS-die politische Ideologie und gemeinsam bilden sie ein Machtinstrument das Verfolgung Terror und Mord erst möglich macht.

00:10:13: Und genau hier liegt die Mahnung der Geschichte wenn man eine finden möchte.

00:10:17: Staatliche Macht egal in welcher Zeit braucht Kontrolle Recht und Verantwortung und ohne Rechtsstaatlichkeit wird die Polizei zum politischen Instrument.

00:10:36: Das war ein Beitrag aus der Reihe Fragen an die Polizeigeschichte.

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